Aufblühen
Kantate - Auf der Suche nach dem Guten zwischen den Zeilen
Ankommen
Tobias spielt am Klavier - leicht, frühlingshaft. Auf den Tischen: kleine Vasen mit ein paar Blüten (Tulpen, Margeriten, was gerade da ist). Snacks, Schorle, Kaffee. Alle kommen rein, finden ihren Platz.
Begrüßung
Simon, über der Musik.
Schön, dass ihr da seid. Riecht ihr das? Nach draußen, nach Frühling, nach Mai. Manche von euch haben den Flieder im Vorgarten, andere sehen ihn nur beim Vorbeigehen. Aber er ist da.
Wir sind heute hier, weil draußen etwas passiert, das uns jedes Jahr aufs Neue überrascht: Die Welt blüht auf. Und gleichzeitig ist die Welt voll von Schweren. Krieg in der Ukraine, in Gaza, an Stellen, von denen wir kaum noch reden. Müdigkeit. Sorge. Ihr wisst, was alles los ist.
Und mitten drin: blüht es. Auf dem Mittelstreifen der B5. Im Vorgarten von Frau Petersen. Zwischen den Pflastersteinen am Edeka-Parkplatz.
Heute Abend gehen wir auf die Suche. Wir suchen das Gute. Wir lesen zwischen den Zeilen. Wir gucken hin, wo es wächst - auch wenn es klein ist.
Wir feiern diesen Abend im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Heute ist Kantate. »Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.« Steht im 98. Psalm. Wir singen heute Abend viel. Tobias ist da, ihr kennt ihn - er macht die Musik.
Lied: Geh aus, mein Herz, und suche Freud (EG 503, 1-3, 13)
Psalmwort & Eingangsgebet
Simon. Tobias spielt leise im Hintergrund.
Aus dem Hohelied, Kapitel 2:
Der Winter ist vorbei,
der Regen ist vorüber,
er ist dahin.
Die Blumen sind hervorgekommen im Lande,
der Lenz ist gekommen,
und die Turteltaube lässt sich hören in unserem Lande.
Lasst uns beten.
Guter Gott,
wir kommen aus einer Welt,
in der so vieles welk ist.
Schlagzeilen, die uns flach machen.
Sorgen, die wir mitschleppen wie nasse Mäntel.
Und dann das hier:
Mai. Flieder. Vögel um sechs.
Du machst das. Jedes Jahr neu.
Gott, lass uns heute Abend etwas davon abkriegen.
Von dieser Hartnäckigkeit, mit der das Leben sich durchsetzt.
Mach unsere Augen auf für das Gute.
Für das, was zwischen den Zeilen steht.
Für die Wunder, die wir oft übersehen.
Sei hier. Zwischen Schorle und Kekstellern.
Zwischen unseren Sätzen und unserem Schweigen.
Amen.
Lied: Wie lieblich ist der Maien (EG 501, 1-4)
Impuls 1: Zwischen den Zeilen
Simon.
Ich war diese Woche kurz beim Bäcker. Eine Frau, die vor mir stand, sagt zur Verkäuferin: »Ich kann das alles nicht mehr hören. Was die Nachrichten alles bringen.«
Und die Verkäuferin nickt nur.
Wir gucken doch hin. Wir kriegen das doch alles mit. Das Sterben in Gaza. Den Krieg, der jetzt im vierten Jahr ist. Den Sudan, von dem kaum noch jemand redet. Die Welt fühlt sich an wie eine Zeitung, in der nur die schlechten Schlagzeilen stehen.
Aber dann bin ich aus dem Bäcker rausgekommen. Auf dem Parkplatz, zwischen den Pflastersteinen, wo eigentlich gar nichts wachsen kann - da blühte Löwenzahn. Vier, fünf gelbe Köpfe.
Löwenzahn löst keinen Krieg. Aber er ist da. Mitten im Asphalt.
Heute Abend wollen wir das üben. Das Hingucken. Das Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Das Suchen nach dem Gelben im Grau.
Das Hohelied sagt: »Der Winter ist vorbei. Die Blumen sind hervorgekommen.« Die Bibel weiß, was Winter ist. Und genau aus diesem Wissen heraus singt sie weiter.
Aufblühen heißt: Es geht weiter. Das Leben hört nicht auf, sich zu zeigen. Manchmal ganz klein. Manchmal im Asphalt.
Lasst uns lernen, wieder hinzugucken.
Lied: Instrumentalstück
Impuls 2: Dem Wunder die Hand hinhalten
Simon.
Es gibt dieses Gedicht von Hilde Domin. Hört mal:
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
Dem Wunder die Hand hinhalten. Leise. Wie einem Vogel.
Hilde Domin hat das geschrieben, nachdem sie aus dem Exil zurückgekommen ist. Sie wusste, was Müde-Werden heißt. Sie wusste, was Welt-Ertragen heißt. Und trotzdem - oder gerade deshalb - schreibt sie diesen Satz: Dem Wunder die Hand hinhalten.
Wunder. Ein großes Wort. Aber Wunder sind überall.
Ein Regenbogen ist ein Wunder. Diese Brücke aus Licht, einfach so, über dem Feld.
Ein neugeborenes Kind ist ein Wunder. Die kleinen Finger. Die kleinen Nägel. Alles dran.
Der erste Kaffee am Morgen ist ein Wunder. Wirklich.
Dass Bäume aus einem winzigen Samen werden, dass sie hundert Jahre alt werden, dass sie im Frühling immer wieder grüne Blätter machen - Wunder.
Dass dein Herz schlägt, ohne dass du dran denken musst - Wunder.
Ein Schmetterling. Das ganze Leben dieses Tieres: Raupe, Puppe, Flügel. Wunder.
Der Sternenhimmel an einem klaren Abend. Wenn du an der Eider stehst und nach oben guckst - Wunder.
Ein Brief im Briefkasten, mit Handschrift, von einem Menschen, der an dich denkt - Wunder.
Eine Umarmung, die genau im richtigen Moment kommt - Wunder.
Wunder sind überall. Wir müssen sie nur sehen.
Übung: Welches Wunder ist mir begegnet?
Simon.
Jetzt seid ihr dran. Ich lade euch ein zu einer kleinen Übung.
Schließt mal kurz die Augen. Geht durch die letzten Tage. Vielleicht die letzte Woche. Vielleicht den heutigen Tag.
Wo ist euch ein Wunder begegnet? Vielleicht ein Regenbogen. Vielleicht ein Sonnenaufgang. Vielleicht ein Lachen, das genau richtig kam. Vielleicht ein Brief. Vielleicht ein Moment am Meer. Vielleicht ein selbstgemaltes Bild von einem Kind, einfach so, ohne Anlass.
Nehmt euch eine halbe Minute. Sucht in eurem Kopf.
Stille. Tobias spielt ganz leise. 30-45 Sekunden.
Habt ihr was?
Dann erzählt es jetzt am Tisch. Reihum. Kurz. Jeder ein Wunder. Wer nichts sagen will, sagt nichts. Aber probiert's.
Nehmt euch fünf, sechs Minuten.
Tobias spielt leise im Hintergrund. Die Tische tauschen sich aus.
Nach einer Weile, Simon:
Schön. Die Welt ist voller Wunder. Wir müssen nur die Hand hinhalten.
Lied: Himmel, Erde, Luft und Meer (EG 504, 1-6)
Impuls 3: Aufblühen
Text: Eva Knöll, 2026.
Wenn ich ans Aufblühen denke, dann habe ich momentan vor allem Obstbäume im Sinn. Üppige bunte Blütenbälle an Ästen. Und wie jedes Jahr staune ich darüber, dass die Bäume in scheinbar so kurzer Zeit so eine Veränderung hinlegen können, dass sie so aufgeblüht sind.
Manchmal staune ich auch darüber, wie ein Mensch aufblüht.
Wenn dieser Mensch mehr Freude ausstrahlt, als ich es gewohnt bin. Wenn dieser Mensch mehr Energie hat, mehr Kraft.
So ein Aufblühen kann mit einer Veränderung einhergehen: ein Umzug, ein Jobwechsel, eine neue Bekanntschaft oder so. Aufblühen hat dann etwas damit zu tun, am richtigen Ort angekommen zu sein. Dort zu sein, wo man hingehört.
Aufblühen geht aber auch ohne Ortswechsel.
Ein Apfelbaum steht schließlich sein Leben lang an einer Stelle und blüht trotzdem jedes Jahr. Aufblühen hat nicht nur mit dem richtigen Ort, sondern auch mit der richtigen Zeit zu tun. Menschen blühen zum Beispiel auf, wenn sie ihre Zeit mit dem verbringen, was ihnen Spaß macht. Diese Zeit ist aber nicht immer.
Zum Aufblühen braucht es also die richtige Zeit und den richtigen Ort.
Am letzten Freitag habe ich eine Freundin in ihrem Garten bei Hamburg besucht. An ihrer Hauswand steht ein kleiner Weinstock. Wein ist ungewöhnlich für den Norden, aber dieser Weinstock kommt aus Hessen, ihrer Heimat. Als ich ganz nah vor den Reben stand, konnte ich winzige Blüten sehen. Ein kleines Wunder, weil eigentlich kommen die Blüten erst so Mitte Mai.
Ich hab also diesen Weinstock angesehen und dachte: Eigentlich ist jetzt weder die richtige Zeit, noch der richtige Ort für solche Blüten. Und dann musste ich schmunzeln, denn für diese Reben ist es offensichtlich doch genau der richtige Ort und die richtige Zeit zum Aufblühen.
© Eva Knöll | 2026
Fragomat (optional)
Wenn ihr mögt, könnt ihr jetzt noch eine Runde am Tisch reden. Es liegt ein Fragomat bereit. Wer Lust hat, zieht sich eine Frage und tauscht sich aus. Wer einfach nur sitzen und die Musik hören will - auch gut.
Zehn Minuten. Dann geht's weiter.
Tobias spielt leise. Wer mag, redet. Wer nicht, hört zu.
Lied: Kommt her, ihr seid geladen (EG 213, 1-4)
Impuls 4 & Agape-Mahl: Gestärkt aufblühen
Simon.
Aufblühen geht nicht aus Luft.
Eine Pflanze braucht Wasser. Erde. Licht. Sonst wird das nichts.
Und wir? Wir brauchen auch was. Wir brauchen Stärkung. Wir brauchen einen Moment, wo uns mal jemand sagt: Du bist gemeint. Du gehörst dazu. Hier, nimm - das ist für dich.
Genau dafür feiern wir heute Abend ein Agape-Mahl. Ein Liebesmahl. So, wie die ersten Christen es gefeiert haben - an Tischen, miteinander, reihum.
Brot und Saft. Mehr ist es nicht. Und gleichzeitig: alles.
Brot - das ist das, was uns am Leben hält. Was wir jeden Tag essen. Was Bauern aussäen und ernten. Was unter der Erde gewachsen ist. Was Menschen zubereiten.
Saft - das ist Frucht. Das ist Sonne und Regen, die in einer Beere zusammengekommen sind. Das ist Freude in flüssiger Form.
Jesus hat gesagt: Nehmt das. Esst das. Trinkt das. Das bin ich für euch.
Das heißt: Ihr seid nicht allein. Ihr werdet getragen. Ihr werdet gestärkt für das, was kommt.
Wir feiern das jetzt zusammen. Hier am Tisch. Im Wohnzimmer.
Erinnerungsworte
Simon, frei gesprochen.
Jesus saß mit seinen Freunden zusammen. Sie haben gut gegessen am Pessach-Fest. Und als sie fertig waren, hat Jesus das Brot genommen. Denn er wusste, er wird sterben. Und er wusste auch, sie brauchen etwas, um sich an ihn zu erinnern.
Dann hat er das Brot genommen, das, was noch da war, und hat es gebrochen und hat es seinen Freunden gegeben und hat gesagt:
„Nehmt das und esst alle davon. Und immer, wenn ihr das tut, auf diese Art und Weise, dann denkt an mich."
Friedensgruß
Bevor wir teilen, geben wir uns ein Zeichen des Friedens.
Reicht eurem Nachbarn die Hand. Sagt euch: Friede sei mit dir.
Friedensgruß an den Tischen.
Teilen am Tisch
Brot und Saft werden an den Tischen reihum weitergegeben. Tobias spielt durchgehend leise weiter.
Dankgebet
Guter Gott,
danke für das Brot. Danke für den Saft.
Danke, dass wir nicht allein aufblühen müssen.
Du stärkst uns. Du nährst uns. Du bist da.
Schick uns jetzt raus, in diese Welt,
die so dringend Menschen braucht,
die das Gute sehen.
Amen.
Lied: Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369, 1-3 u. 7)
Fürbitten
Simon. Tobias spielt leise.
Guter Gott,
wir bringen dir die Welt, wie sie ist.
Wir bringen dir den Krieg, der nicht aufhören will.
Die Menschen in der Ukraine, in Gaza, im Sudan, im Jemen - überall, wo Frühling sich anfühlt wie Hohn.
Lass uns hingucken. Lass uns hoffen. Lass uns das Gute suchen.
Wir bringen dir die Müden.
Die, die nicht mehr können.
Die, die innerlich Winter haben, obwohl draußen der Flieder blüht.
Sei bei ihnen. Schick ihnen Menschen, die Hand hinhalten.
Wir bringen dir das, was in uns wächst, ohne dass wir es sehen.
Die kleinen Wurzeln. Die zaghaften Hoffnungen.
Schütz, was zart ist. Lass es Zeit haben.
Wir bringen dir die Wunder, die wir heute Abend geteilt haben.
Regenbögen. Sonnenaufgänge. Briefe. Das Lachen, das genau richtig kam.
Lass uns weiter hinhalten. Die Hand. Die Augen. Das Herz.
Amen.
Vater Unser
Alle gemeinsam.
Segen
Der Gott, der den Winter beendet,
segne euch und behüte euch.
Der Gott, der unter der Erde arbeitet,
lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Der Gott, der jedes Jahr aufs Neue blüht,
erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.
Amen.
Lied: Sei behütet auf deinen Wegen
Ausklang
Tobias spielt am Klavier. Wer will, bleibt sitzen.
Die nächste Wohnzimmerkirche ist am 07.06.2026 um 17 Uhr. Die Kollekte sammeln wir wieder dafür - für die Wohnzimmerkirche.
Geht raus. Guckt hin. Haltet die Hand hin.
Schönen Abend.






